Selten und wenig erforscht: die Geheimnisse der Tiefseewale

von Detlef Roth

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Wenn wir an Wale und Delfine denken, haben wir Buckelwale, Orcas oder verspielte Große Tümmler vor Augen. Doch der Ozean birgt eine ganze Welt von Walen und Delfinen, über die wir fast nichts wissen. Diese Tiefseebewohner, die nur kurz zum Atmen an die Oberfläche kommen, entziehen sich dem menschlichen Auge. Einige wurden anhand vereinzelter Küstenfunde beschrieben, andere sind nur durch ihre Laute bekannt. Sie sind wahre Geister der Tiefsee.

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Schnabelwale (Familie Ziphiidae) gehören zu den rätselhaftesten Walen. Diese Familie umfasst über 20 Arten, von denen viele nur durch wenige Exemplare bekannt sind. Sie leben in den Tiefen des Kontinentalabhangs und verbringen die meiste Zeit in Tiefen von über 1.000 Metern, wo sie eine Stunde oder länger tauchen. Schnabelwale ernähren sich von Tiefseetintenfischen und -kalmaren und orten diese mithilfe der Echoortung. Aufgrund ihrer Scheu sind die genauen Populationsgrößen und Verbreitungsgebiete der meisten Arten unbekannt.

Der seltenste Schnabelwal ist der Tayrawal (Mesoplodon traversii). Bis 2010 war er nur durch Kieferfragmente bekannt, die in Neuseeland gefunden wurden. Im selben Jahr wurden ein Muttertier und ihr Kalb an einem Strand entdeckt, wodurch die Art erstmals beschrieben werden konnte. Bis heute wurden keine lebenden Exemplare im Ozean gesichtet. Der Tayrawal gilt als möglicherweise seltenster lebender Wal.

Der Stejneger-Schnabelwal (Mesoplodon stejnegeri) und der Hubbs-Schnabelwal (Mesoplodon carlhubbsi) sind zwei weitere wenig erforschte Arten, die hauptsächlich durch Strandungen bekannt sind. Ihr Verhalten in freier Wildbahn ist so gut wie unerforscht. Wissenschaftler vermuten, dass viele Schnabelwalarten in kleinen Gewässern endemisch sind und extrem empfindlich auf anthropogenen Lärm reagieren.

Pottwale (Physeter macrocephalus) sind die Giganten unter den Zahnwalen, doch auch sie bergen Geheimnisse. Ihre Sozialstruktur und ihre Wanderungen sind nur oberflächlich erforscht. Man weiß, dass Weibchen und Kälber Gruppen bilden und in warmen Gewässern bleiben, während die Männchen zu den Polen wandern. Die Tiefseetauchgänge der Pottwale (bis zu 2.000 Meter) gehören zu den längsten aller Säugetiere. Sie jagen Riesenkalmare, über die wir ebenfalls nur sehr wenig wissen. Die Biolumineszenz und die Akustik dieser Jagden sind Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Der Nordatlantische Glattwal (Eubalaena glacialis) ist eine der am stärksten bedrohten Walarten. Sein Bestand wird auf 350–400 Tiere geschätzt. Diese Wale leben an der Ostküste Nordamerikas, ihre Geschichte ist aber auch in Europa bekannt. Sie wurden beinahe von Walfängern ausgerottet, und heute zählt jedes Kalb. Die Hauptbedrohungen sind Kollisionen mit Schiffen und das Verheddern in Fischernetzen. Trotz Schutzbemühungen erholt sich der Bestand nicht.

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