Symbiose unter Wasser: Unglaubliche Allianzen von Riffbewohnern

von Detlef Roth

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Korallen selbst sind ein gigantischer symbiotischer Komplex. Ihre Polypen gehen eine Symbiose mit mikroskopisch kleinen Algen, den Zooxanthellen, ein, die die Zellen der Koralle besiedeln. Die Algen betreiben Photosynthese und versorgen die Korallen mit bis zu 90 % ihrer organischen Substanz. Im Gegenzug erhalten sie Kohlendioxid und einen sicheren Lebensraum. Dank dieser Symbiose bauen Korallen ihre Kalkskelette in unglaublicher Geschwindigkeit auf und bilden so Riffe. Steigen die Wassertemperaturen, stoßen die Korallen die Algen ab, es kommt zur Korallenbleiche – und ohne diese Symbiose stirbt das Riff.

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Es gibt auch weniger bekannte, aber nicht weniger erstaunliche Paarbeziehungen. Der Kardinalfisch (Siphamia) lebt im Körper einer Seegurke, versteckt sich in ihrer Kloake und kommt nur nachts zum Fressen heraus. Die Seegurke erfährt weder Schaden noch Nutzen, aber diese kommensale Beziehung bietet dem Fisch absoluten Schutz. Einige Garnelenarten leben auf Seesternen oder Seeigeln, ernähren sich von deren Nahrungsresten und bewegen sich neben ihrem Wirt.

Auch zwischen Fischen derselben Art können wechselseitig vorteilhafte Beziehungen bestehen. Zackenbarsche und Muränen jagen beispielsweise manchmal gemeinsam: Der Zackenbarsch weist der Muräne den Weg zum Versteck der Beute und teilt anschließend den Fang. Wissenschaftler haben beobachtet, dass Zackenbarsche sogar auf vertraute Muränen zuschwimmen und mit dem Kopf schütteln, um sie so zur gemeinsamen Jagd einzuladen. Dies deutet auf ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten und Kommunikation zwischen verschiedenen Arten hin.

Auch die Welt der mikroskopischen Symbionten ist voller Leben. Viele Tiefseefische, wie beispielsweise Anglerfische, beherbergen leuchtende Bakterien in spezialisierten Organen, den sogenannten Photobakterien. Die Bakterien erhalten Nährstoffe von den Fischen, und diese nutzen sie als wirkungsvolles Mittel, um Beute anzulocken und sich in völliger Dunkelheit zu tarnen. Bei manchen Arten verbindet sich das Männchen buchstäblich mit dem Weibchen und wird so zu einem Teil von ihr, um die Befruchtung der Eier zu gewährleisten – auch dies ist eine extreme Form der Symbiose.

Parasitäre Symbiose kann sich oft zu einem evolutionären Wettrüsten entwickeln. Schiffshalterfische (Echeneidae) besitzen einen Saugnapf am Kopf, mit dem sie sich an Haie, Wale und sogar Schiffe anheften. Sie ernähren sich von den Nahrungsresten ihrer Wirte und werden kostenlos transportiert. Obwohl der Wirt dadurch etwas Energie verliert, ist der Gesamtschaden minimal. Solche Beziehungen werden als Phoresie bezeichnet.

Symbiosen sind nicht nur Kuriositäten; sie bilden das Fundament der gesamten marinen Biodiversität. Ihre Zerstörung, beispielsweise durch Korallenbleiche oder das Verschwinden von Putzerfischpopulationen, kann eine Kettenreaktion auslösen. Deshalb ist der Erhalt der Integrität von Ökosystemen, in denen jeder Partner seine Funktion erfüllt, das Hauptziel des Meeresschutzes. Jede dieser Allianzen birgt eine Lektion in Kooperation, die die Natur über Millionen von Jahren perfektioniert hat.

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