Die Zusammensetzung des Meeresschnees ändert sich mit der Tiefe. In der Dämmerzone (200–1000 m) ist er noch reich an organischem Material und Heimat zahlreicher Filtrierer – Rippenquallen, Salpen und Appendikularien –, die die Schneeflocken in ihren Netzen fangen. In Tiefen von 2000–3000 Metern wird der Schnee seltener, bietet aber immer noch Nahrung für Seegurken, Seesterne und Schlangensterne. In der Tiefsee ist der Schnee lediglich ein dünner Film aus organischem Material auf der Sedimentoberfläche, doch er reicht aus, um eine artenreiche Fauna zu ernähren.
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Einige Organismen haben gelernt, Biolumineszenz zu nutzen, um „falschen Meeresschnee“ zu erzeugen. Tiefseekalmare beispielsweise können eine Wolke aus leuchtendem Schleim ausstoßen, die Schneefall simuliert und so Fressfeinde verwirrt. Und manche Krebstiere geben bei Gefahr leuchtende Pheromone ab, die größere Raubtiere anlocken, welche ihre Verfolger besiegen können.
Ein faszinierendes Phänomen sind „leuchtende Tornados“ in der Wassersäule. Sie entstehen, wenn Schwärme leuchtender Garnelen oder Kalmare während ihrer Wanderung spiralförmig ziehen. Dieses Schauspiel, das nur von Tiefsee-U-Booten aus beobachtet werden kann, ähnelt fantastischen Wirbeln. Wissenschaftler vermuten, dass solche Strukturen der Koordination der Schwarmbewegungen oder dem Schutz vor Fressfeinden dienen.
Meeresschnee und Biolumineszenz sind eng miteinander verbunden: Viele Organismen, die sich von Schnee ernähren, leuchten selbst, und ihr Leuchten lockt andere an. Schneeflocken, die in die Tiefsee fallen, sind oft mit leuchtenden Bakterien überzogen, und ihre Bahn lässt sich als leuchtender Faden verfolgen. Manche Tiefseefische halten ihr Maul bewusst offen, um den Meeresschnee durch ihre Kiemen zu leiten und essbare Partikel herauszufiltern – eine sparsame Art der Nahrungsaufnahme.
Die Erforschung des Meeresschnees ist von praktischer Bedeutung. Er spielt eine Schlüsselrolle im Kohlenstoffkreislauf der Ozeane: Organischer Kohlenstoff, der von Phytoplankton gebunden wird, sinkt zum Meeresboden und kann dort Millionen von Jahren verbleiben. Klimawandel und Ozeanversauerung beeinflussen die Zusammensetzung des Planktons und damit auch die Menge und Zusammensetzung des Meeresschnees. Das Verständnis dieser Prozesse ist unerlässlich, um Veränderungen im gesamten marinen Ökosystem vorherzusagen.
Jedes Mal, wenn wir das von Plankton erleuchtete Nachtmeer betrachten oder die Leuchterscheinungen von Tiefseefischen auf dem Bildschirm eines Bathyscaphs sehen, werden wir Zeugen eines der ältesten Phänomene der Erde. Biolumineszenz entstand im Präkambrium, lange bevor die ersten Pflanzen an Land erschienen. Und bis heute ist es die primäre Sprache des Ozeans, seine unsichtbare und doch allgegenwärtige Poesie. Meeresschnee, der wie ein endloser Regen fällt, verbindet Oberfläche und Grund, Leben und Tod, Licht und Dunkelheit. Es ist ein großer Kreislauf, der seit Milliarden von Jahren andauert und auch weiterhin andauern wird.
