Ruf des Abgrunds: Was in den tiefsten Schichten des Ozeans lauert

von Detlef Roth

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In Tiefen von mehr als 4.000 Metern beginnt die Tiefseezone. Hier leben Xenophyophoren – riesige Einzeller mit einem Durchmesser von 10 bis 20 Zentimetern, die am Meeresboden entlangkriechen und Nahrungspartikel aufnehmen. Sie wurden im Marianengraben entdeckt und gehören zu den größten Einzellern der Erde. Die Tiefseeebenen sind auch Heimat von Glasschwämmen, Seefedern und Tiefsee-Oktopussen wie dem Dumbo-Oktopus (Grimpoteuthis) mit seinen elefantenartigen „Ohren“.

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Die tiefste Zone – die Hadalzone (vom griechischen „Hades“, was „Hölle“ bedeutet) – umfasst Meeresgräben mit einer Tiefe von über 6.000 Metern. Hier, am Grund des Marianengrabens, entdeckten japanische Forscher eine Schnepfenfischart (Pseudoliparis swirei), die in Tiefen von 8.000 Metern frei schwimmt. Sie ernährt sich von kleinen Krebstieren und ist in ihrem extremen Lebensraum ein Spitzenprädator. Im Jahr 2019 erreichte der Rover DSV Limiting Factor den Grund des Grabens, und die Besatzung wurde Zeuge von Leben am tiefsten Punkt der Erde.

Die Erforschung der Tiefsee ist eine unglaublich komplexe Aufgabe. Bemannte Fahrzeuge wie die Trieste (die 1960 in den Marianengraben hinabtauchte) und die modernen Alvin, Shenhai und Limiting Factor ermöglichen es Wissenschaftlern, Leben aus nächster Nähe zu beobachten. Autonome und ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge (ROVs) können stundenlang in der Tiefe operieren und hochauflösende Videos übertragen. Jede Expedition bringt neue Entdeckungen: Allein in den 2020er-Jahren wurden Dutzende neuer Arten beschrieben, darunter leuchtende Quallen, Tiefseekalmare und neue Fischarten.

Die Tiefsee ist nach wie vor die letzte unerforschte Grenze unseres Planeten. Sie birgt nicht nur biologische Geheimnisse, sondern auch Hinweise auf den Ursprung des Lebens, die Anpassung an extreme Bedingungen und sogar die Möglichkeit von Leben auf anderen Planeten. Wir wissen derzeit weniger darüber als über die Oberfläche des Mars. Jeder Tauchgang ist ein Schritt ins Unbekannte, und die erstaunlichsten Entdeckungen stehen uns vielleicht noch bevor.

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